Kommentar-Vorschlag zu John Fords Drama
Schade, dass sie eine Hure war ('Tis Pity She's a Whore)

Gliederung

B. Auseinandersetzungen mit den Lastern

I. POGGIO und die AVARITIA (Habsucht)

1. Namensherkunft

POGGIO ist auch ein Eintrag in Florios Wörterbuch gewidmet:
„Póggio, a hill, a hillocke, a mounting side of a hill, a blocke to get on horse-backe“. [pbm.com]

2. Relativierung von Todsünden

Zu BERGETTO und damit indirekt auch zu DONADO gehört die eher unbedeutende Gestalt des Dieners POGGIO, welcher die wirren Reden seines Herrn zu strukturieren versucht. Beide wollen die Sache mit dem Pferd erzählen, das mit seinem Schwanz festgebunden worden ist (bereits Dante erwähnt sie in seiner Göttlichen Komödie). John Ford aber mokiert sich in dessen Handeln über eine Schrift von Giovanni Francesco Poggio Bracciolini (* 1380 Terranuova;+ 1459 Florenz), „Dialogus de avaritia“ (Über die Habgier) aus dem Jahr 1428, mit der er, als päpstlicher Sekretär an der Kurie in Rom den enormen Reichtum und Prunk der kirchlichen Würdenträger mit dem Slogan „Lieber habgierig als wollüstig!“ verteidigte. [BR] Bereits gegenüber den Bettelorden hatten sich die Kirchenfürsten auf Passagen im Neuen Testament berufen, in denen Jesus jene lobte, die mit ihren Pfunden wucherten. Hier nun werden Todsünden relativiert: „Die Habgierigen sind stark, weitblickend, fleißig, hart und maßvoll. Sie zeigen große Klugheit und noch größere Weisheit. Wir kennen Könige und Fürsten mit glänzendem Ruf, die habgierig waren. Wenn ich also ein Laster zu wählen hätte, wäre ich lieber habgierig als wollüstig.“ [BR] Und „der ironische Polemiker“ [Flasch 528] schrieb weiter: „Es ist nicht sündhaft, reich zu sein. Sondern in Sünde fällt nur, wer sich auf seinem Vermögen ausruht und es zur Befriedigung seiner lasterhaften Begierden missbraucht.“

3. Der Wissenschaftler

Poggio Bracciolini forschte nicht nur nach Manuskripten antiker Autoren (hauptsächlich während des langen Konzils zu Konstanz 1414 – 1418), sondern brachte selbst eine Sammlung von Anekdoten und Schwänken aus dem Bereich des Vatikans heraus, den zwischen 1438 und 1452 entstandenen „Liber Facetiarum“; von diesen Texten ließ sich der Tübinger Professor Heinrich Bebel (+ 1518) zu seinen „Facetiae“ anregen, womit er eine eigene Literaturgattung gründete. Daneben war er mitbeteiligt an der Weiterentwicklung und Verbreitung der karolingischen Minuskel, die um 800 entstanden war, zu einer Schrift, die als Humanistische Minuskel oder Humanistica bezeichnet wird; mit dem Aufkommen des Buchdrucks entstanden dann Antiqua- und Kursivschnitte, die bis heute als unübertroffen gelten. [hubertjocham]

4. Humanismuskritik

Mit einer heftigen Polemik gegen die scholastische Dialektik, Rechts-und Naturwissenschaft leitete Francesco Petrarca (*Arezzo 1304;+Arqu 1374) in Italien den Paradigmenwechsel zum Humanismus ein, ausgelöst durch
a) äußere Krisen und Bedrohungen wie Schisma, Hundertjähriger Krieg, Niedergang des Kaisertums, territoriale Machtkämpfe im Reich, Türkengefahr, Hungersnöte, Finanzkrisen, Pest und
b) innere Verunsicherung der urbanisierten Gesellschaftsgruppen, deren auf schriftlicher Kommunikation und Handelsformen beruhende Persönlichkeitsbildung keine Vorbilder in der traditionellen mündlichen Familienüberlieferung mehr fanden. Die studia humanitas beruhen auf der von Cicero und anderen weiterentwickelten Bestimmung des Menschen, der sich vom Tier durch die Sprache unterscheidet, mit Hilfe der Sprache Werte formuliert, die Wirklichkeit sozial konstruiert, das Geheimnis der Transzendenz im Wort Gottes erfährt und in der Dichtung zu umschreiben versucht.[LexMA 187f.] Die Suche nach neuen Symbolen der Sicherheit verschob das Schwergewicht des Welt- und Menschenbildes von der Natur der Dinge auf die Natur des Menschen, vom Erkenntnisstreben auf den Gebrauch des Wortes als „Band und Norm der Gesellschaft“. Es entstanden zahlreiche Schriften mit moral- und sozialethisch-pädagogischen Erörterungen wie beispielsweise Poggios >De avaritia< (1429). Darin werden Gewinnstreben und Sparsamkeit, rationaler Umgang mit Zeit und Geld, Wohlstand, Ehrbarkeit, Ruhm, Gesundheit als bürgerliche Werte ethisch mit der Verantwortung des einzelnen für die Freiheit, den inneren Frieden und die Wohlfahrt der Gemeinschaft verbunden. Neben, ja über den sozial grundlegenden Familien- und Verwandtschaftsverhältnissen wird die Freundschaft als das eigentliche Band der bürgerlichen Gesellschaft herausgestellt, das diese Menschen der verschiedensten Herkunft und Ausrichtung vereinige. [LexMA 190/1] Neben Poggio Bracciolini war während der humanistischen Bewegung in Italien Lorenzo Valla einflussreich mit seinen Schriften „De voluptate“ (Über die Lust) und „De libero arbitrio“ (Über den freien Willen), 1435 erschienen. [Flasch 529 ff.] Sein Fazit war: Wir wissen den Grund der göttlichen Bestimmung nicht, aber was macht das? Worauf es im Leben ankommt, ist die Praxis, ist die tätige Nächstenliebe; worauf es wissenschaftlich ankommt, ist, fingierte Auskünfte zu vermeiden. [Flasch 535]
In England (Oxford vielleicht ausgenommen) fand der Humanismus praktisch keine Anhänger. POGGIO bleibt bei John Ford eine untergeordnete Randfigur.

Weiter